Der vorgeschlafene Heilschlaf

Palmström schläft vor zwölf Experten
den berühmten Schlaf vor Mitternacht,
seine Heilkraft zu erhärten.

Als er, da es zwölf, erwacht,
sind die zwölf Experten sämtlich müde.
Er allein ist frisch wie eine junge Rüde.

Christian Morgenstern

Der sogenannte „Heilschlaf“ ist eine uralte schamanische Trancetechnik, welche laut Aufzeichnungen erstmals vor 6000 Jahren in den Pyramiden von den ägyptischen Priestern angewandt worden ist. Man bezeichnete damit eine Praxis, bei der ein Hilfesuchender den Tempel eines Heilgottes oder eine Orakelstätte aufsuchte, um dort im Traumschlaf Antworten auf seine Fragen, Hinweise für eine wirksame Therapie oder auch direkt Heilung durch den Heilgott selbst zu erfahren.

Als „Tempelschlaf“ bezeichnet man eine seit der Antike belegte Praxis, bei der ein Kranker das Heiligtum eines Gottes oder eines Heros (Gestalten der griechischen und römischen Mythologie, meist halbgöttlicher Herkunft) aufsuchte. Dem Tempelschlaf liegt die eigentümliche Tatsache zugrunde, dass bei den ägyptischen Priesterweisen, und überhaupt in der alten Kultur der Menschheit, die Weisheit in innigem Zusammenhange mit der Heilkunst, mit der Gesundheit gedacht wurde.

Die Mayas, Azteken, Tibeter und Inder praktizierten an diesen geheiligten Stätten und Orten den Heilschlaf und auch keltischen und germanischen Druiden soll diese Heilform nicht fremd gewesen sein. Möglicherweise handelte es sich dabei um eine Art Deprivation, wie sie auch heute noch in den schamanischen Kulturen und Höhlenmysterien begangen wird.

Weiterhin ist bekannt, dass derartige Trance-Praktiken ins christliche Mönchswesen eingedrungen sind und u.a. auch in Santiago de Compostela und Chartres am Jakobsweg praktiziert worden sind.

In Epidauros (Griechenland) befand sich das seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. das Asklepius-Heiligtum mit der großen Schlafhalle für den Heilschlaf. Ausgrabungen und deren steinerne Zeugnisse geben uns heute eine genauere Vorstellung über den Ablauf einer Heilkur. Grundvoraussetzung für den Erfolg des Heilschlafs war der Glaube an den heilenden Gott. Hinzu kommen die äußere und innere Reinigung von allem Ballast (durch Waschungen, Gebete und Rituale) und die mentale Beschäftigung mit dem Heiltraum Die Behandlungen wurden von Priestern und nicht von Ärzten durchgeführt.

Der antike Heilgott-Glaube wurde erstaunlicherweise im christl. Glauben auf Jesus Christus übertragen, der als Heiler, Heiland, als Christus Medicus oder himmlischer Arzt verehrt wurde. Dies ist erstaunlich, weil dem Schlaf in der Bibel zwar eine prophetische Gabe zukommt – wie etwa in den Träumen des Moses –, er aber nicht der Heilung dient.

Nachdem Ende des 4. Jh. das Christentum Staatsreligion geworden war, wurde die Praxis des therapeutischen Tempelschlafs als Kirchenschlaf weiter ausgeübt und hielt sich in Mitteleuropa bis ins Mittelalter. In der modernen Medizin wird der Heilschlaf in Form eines künstlichen Komas wiederaufgegriffen. Hier zeigen sich die Heilkräfte, die im Schlaf freigesetzt werden können.

Anfang 2011 wurde die Gesellschaft für Heilschlaf-Hypnose e.V. gegründet, die hinsichtlich ihres Namens eine Anleihe beim erfolgreichen antiken Heilschlaf nimmt und dadurch gekennzeichnet ist, dass Hilfesuchende ihre Lösung selbst erträumten.

Heute versteht man unter Heilschlaf eine künstlich herbeigeführte Heilmaßnahme, meist im Rahmen einer Schlafkur. Es handelt sich um eine therapeutische Methode zur Ausschaltung schädlicher und falscher Reaktionen des Organismus, u. U. für längere Zeit. . Der Heilschlaf wird dabei durch Arzneimittel, suggestive Maßnahmen oder elektrische Reizung des Schlafzentrums im Gehirn herbeigeführt und aufrechterhalten.

Schlafkuren werden heute vorwiegend im erweiterten Wellnessbereich eingesetzt, denn sie unterstützen die Tiefenentspannung und die Regenerationsfähigkeit des Körpers. Sie verschaffen Ruhe und Ausgeglichenheit. Dem Teilnehmer einer Schlafkur wird aufgezeigt, wie er sich in Zukunft selbst zu einem besseren Schlaf und zu besserer Erholung verhelfen kann und wie er innere und äußere Störfaktoren vermeidet. Er wird dabei in die Thematik des Schlafverhaltens eingeführt und aktiv dabei unterstützt das Einschlaf- und Durchschlafverhalten zu verbessern.

Heilschlaf als medizinische und therapeutische Maßnahme ist bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr gebräuchlich, da es sich um ein umstrittenes Verfahren handelt. Die genauen Hintergründe vom Heilschlaf sind noch nicht ausreichend geklärt und erforscht. Es bedarf hier weiteren wissenschaftlichen Forschungen, um die Geheimnisse um den Heilschlaf und seine Folgen weitgehend zu klären.



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