Markus Kamps in der Schweiz zu Besuch im Universitätsklinikum Bern (Inselspital).

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Schlafproblemen von Menschen. Oftmals können Probleme durch gute Beratung in Bettenhäusern, Feng Shui Methoden, Therapeuten, Psychologen oder Allgemeinmediziner gelöst werden. Doch ab und an sind die Ursachen tiefgründiger. Hier bleibt dann der Weg in ein Schlaflabor unumgänglich. Durch Beobachtung und Zuhilfenahme elektronischer Geräte, wird der Schlaf von Patienten untersucht. Das Fachgebiet nennt sich Somnologie und die Schlafüberwachung bezeichnen die Experten als Polysomnographie. Es gibt immerhin ca. 88 Arten von Schlafstörungen und die Forschung ist noch lange nicht am Ende angelangt. Aber keine Angst, es hört sich alles schlimmer an als es in Wirklichkeit ist.

Markus Kamps und Albrecht Vorster
Markus Kamps (links) und Albrecht Vorster (rechts)

In Bern habe ich den Dipl.-Biologen und Schlafforscher Albrecht Vorster besucht. Er arbeitet im Universitätsklinikum Bern (Inselspital), einem Schlaflabor mit vielen neuen Ansätzen. Das besondere daran ist, dass Patienten eine komplette „Wohlfüll-Umgebung“ erleben dürfen. Eine Küche, ein Wohnzimmer mit TV, eine Couch nebst Esstisch lässt schnell die Gedanken an ein Schlaflabor verschwinden. Wer möchte, kann auch mit seinem Partner hier übernachten. Die Patienten können so viel schneller entspannen, sodass die Ergebnisse der Schlafuntersuchung in der Regel schneller und präziser sind.

Albrecht Vorster – einigen bereits bekannt aus der Forschung, hat hier nun sein Arbeitsbereich aufgeschlagen. Es umfasst zum einen die Verbesserung der Schlafumgebung im Krankenhaus – denn es ist ja verrückt, dass der Ort an dem wir den Schlaf am meisten brauchen, auf genau dieses Bedürfnis keine Rücksicht nimmt. Vorster ist zudem Teil des NeuroTec, einem Labor für angewandte Forschung des Inselspitals. Ziel ist es hier, eine Brücke zwischen Wissenschaft, Technologiespezialisten und der Industrie zu schaffen. Gerade im Bereich der Schlafforschung besteht hier eine riesige Lücke. Aktuell läuten Wearables (tragbare Sensoren), Nearables (kontaktlose Sensoren) und verschiedene Arten von Sleep-Trackern eine neue Ära der Schlafmedizin und Diagnostik ein. Ziel des NeuroTecs ist es, diese Technologien medizinisch sinnvoll nutzbar zu machen. Das notwendige Know-how ist in Bern vorhanden: Das Universitätsklinikum Bern (Inselspital) ist eines der führenden Zentren in der Behandlung von Schlafstörungen. Am Schlaf-Wach-Epilepsie-Zentrum arbeiten dafür alle schlafmedizinischen Fachrichtungen Hand in Hand: Neurologen, Pneumologen, Psychologen, Chronobiologen. Eine Seltenheit, denn meistens werden Schlaflabore entweder von einem Pneumologen oder Neurologen geleitet. In Bern erwartet jeden Patienten zunächst eine 45 minütige schlafmedizinische Anamnese, dann erst wird er an die für ihn entsprechenden Fachärzten weitergeleitet.

Dieses Wissensspektrum steht auch dem NeuroTec zur Verfügung. Eine zentrale Infrastruktur ist das NeuroTec Loft – eine instrumentierte Wohnung zur Überwachung des menschlichen Verhaltens, Schlafes und dem Einflusses neurologischer Störungen auf das tägliche Leben. In einem real-life Setting können mit modernster Sensor-Technik der Schlaf in all seiner Tiefe bewertet werden: Partner können nebeneinander schlafen und vorher gewohnt einen Film im Wohnzimmer schauen. Dennoch kann anschließend in entspannter Umgebung der Schlaf mit High-Density EEG verfolgt werden oder Veränderungen in Körpertemperatur, Atmung und Puls. Die letzten drei genannten ohne dass es der Proband merkt aufgrund von Matratzensensortechnlogie und Radarsensoren. Der Einfluss des Lichtes, insbesondere des Blaulichtes kann kontrolliert getestet werden, denn die Wohnung ist mit LED-Technik, die dem Human Centric Lighting Konzept zugrunde liegt, ausgestattet. High-Tec made in Swizzerland. Schlafmedizinisches Fachwissen und Technologie. Im NeuroTec Loft findet beides in der Anwendung zusammen.

Was erwartet mich?

Vor dem Besuch im Schlaflabor

Es ist anzuraten, dass man sich im Vorfeld ein wenig über die Prozeduren und Testverfahren informiert. So kann der Patient die Untersuchungen besser verstehen. Wer bereits jemanden kennt, der ein Schlaflabor besucht hat, sollte die Chance nutzen und mit diesem sprechen. Man wird sofort feststellen, dass der Besuch eines Schlaflabors völlig harmlos ist.

Bei der nächtlichen Untersuchung

Im Schlaflabor wird ein Polysomnogramm erstellt. Hierbei handelt es sich um ein diagnostisches Verfahren zur Messung physiologischer Funktionen im Schlaf. Mit der polysomnographischen Aufzeichnung werden wichtige elektrische und andere Messvariablen erfasst, die Auskunft über die verschiedenen Schlafstadien und mögliche Schlafstörungen geben.

Inhomogener Schlaf

Der Schlaf ist kein gleichförmiger Zustand sondern ein sehr komplexer Prozess. An der Steuerung der komplizierten Vorgänge ist das Gehirn maßgeblich beteiligt. Es beeinflusst die verschiedenen Schlafstadien, die in die Phasen „Übergang vom Wachen zum Schlafen“, „Leichtschlaf“, „Tiefschlaf“ und „Traumschlaf“ (REM-Schlaf) eingeteilt sind. Die Registrierung der Hirnaktivität und Körperfunktionen erlaubt es, das jeweilige Schlafstadium zu identifizieren, in dem sich der Schlafende gerade befindet.

Schlafuntersuchung

Während der Schlafuntersuchung werden mit Hilfe von Elektroden, die vor dem Schlafengehen an Kopf und Kinn mit einem hautfreundlichen Spezialklebstoff angebracht werden, folgende Aktivitäten im Schlaf überwacht und registriert: Hirn- und Muskelaktivität, Augenbewegungen, Atmung über Mund und Nase, Schnarchen, Herzfrequenz und Beinbewegungen. Um die Atmungsanstrengung zu messen, werden Gurte mit Dehnungssensoren um Brustkorb und Bauch des Patienten gelegt. Die Herzfrequenz wird mit Elektroden am Brustkorb registriert. Der Sauerstoffgehalt im Blut wird über Sensoren am Zeigefinger oder Ohrläppchen kontrolliert. In manchen Fällen wird zusätzlich eine Videoaufzeichnung erstellt, so dass später eventuelle Verhaltensauffälligkeiten im Schlaf in die Analyse einbezogen werden können. Das medizinisch-technische Personal informiert Sie vorher, falls Ihr Schlaf auch über Videokamera überwacht werden muss.

Völlig schmerzfrei

Das Verfahren zur Überwachung und Registrierung des Schlafes ist mit keinerlei Schmerzen verbunden. Die technischen Geräte, die dabei zum Einsatz kommen, sind so konstruiert, dass sie dem Patienten größtmögliche Bequemlichkeit und Bewegungsfreiheit bieten. Falls Sie Komplikationen beim Anlegen der Elektroden befürchten (z. B. weil Sie einen Haarersatz tragen oder aus anderen Gründen), sollten Sie dies mit Ihrem Hausarzt oder dem medizinisch-technischen Personal im Schlaflabor besprechen.

Wozu dient die Schlafuntersuchung allgemein?

Schlafanalyse

Um Ihren Schlaf analysieren und eventuelle Schlafstörungen identifizieren zu können, müssen Hirnaktivität und Körperfunktionen sowie deren wechselseitige Beziehungen im Schlaf beobachtet und registriert werden. Nach der Auswertung und Interpretation der Aufzeichnungsergebnisse durch einen schlafmedizinischen Experten lässt sich die spezifische Schlafstruktur des Patienten genau beurteilen. Wenn sich der Verdacht auf Schlafstörungen bestätigt, kann der behandelnde Schlafmediziner anhand der Ergebnisse geeignete Therapiemethoden empfehlen.

Ergebnisaufbereitung

Die Auswertung der polysomnographischen Aufzeichnung bilden den Abschluss eines komplexen Untersuchungsprozesses. Allein mit der Aufzeichnung ist das medizinisch-technische Personal über mehrere Stunden beschäftigt. Später muss das umfangreiche Datenmaterial verarbeitet und ausgewertet werden. Schlafmedizinische Experten bewerten und interpretieren die Ergebnisse der Aufzeichnung, die in der Regel über 800 Seiten mit verschiedenen Kurven bzw. Signalen umfasst (z. B. Hirnkurven, Muskelaktivität und Augenbewegungen). Da es sich hier um ein sehr arbeits- und zeitintensives Verfahren handelt, liegt die Auswertung erst einige Tage nach der nächtlichen Untersuchung vor. Sie werden aber meist darüber informiert, wann Sie mit den Ergebnissen rechnen können.

Die meist gestellte Frage?

„Kann man im Schlaflabor unter der Verkabelung überhaupt richtig schlafen?“

Diese Frage wird von den Patienten am häufigsten gestellt, sobald sie einen Termin zur Untersuchung im Schlaflabor vereinbaren. Meistens stellen sie sich ein Schlaflabor als eine technisch kalte, grell beleuchtete und unpersönliche Umgebung vor. Entgegen dieser Vorstellung weisen viele Labore eine freundliche Atmosphäre auf und verfügen über gemütliche Schlafkabinen. Hierzu auch ein kleiner Auszug aus meinem Interview.

Interview Markus Kamps / Albrecht Vorster

Das Equipment

Die technische Ausrüstung befindet sich in einem separaten Raum, in dem sich auch das schlafmedizinische Personal während der Nacht aufhält. Die Drähte der Elektroden werden hinter Ihrem Kopf in einer Art Pferdeschwanz zusammengeführt oder sie werden in ein kleines Kärtchen eingesteckt, das während der Nacht auf der Brust liegt. So sind Sie in ihrer Bewegungsfreiheit kaum eingeschränkt. Sie können problemlos die Schlaflage wechseln und sich genauso bewegen wie zu Hause im eigenen Bett.

Mehrfach-Schlaflatenz-Test

In manchen Fällen ist eine weitere Untersuchung am Tag notwendig, um die Einschlaflatenz – d. h. den Grad der Schläfrigkeit bzw. des Schlafdruckes – zu erfassen. Das hierbei angewandte Verfahren, das als Mehrfach-Schlaflatenz-Test bezeichnet wird, erfordert Ihre Anwesenheit am Tag nach der nächtlichen Schlafuntersuchung. Sie werden gebeten, in festen Intervallen von zwei Stunden ein kurzes Nickerchen zu halten. Der Test beginnt am Morgen und erstreckt sich über den gesamten Tag. Zur Registrierung der Schlafstruktur kommt die gleiche technische Ausstattung wie bei der nächtlichen Untersuchung zum Einsatz. Die Menge und Art des Schlafes während der kurzen Nickerchen liefern dem Schlafmediziner wichtige Anhaltspunkte für eine bessere Beurteilung der Schläfrigkeit, der vorliegenden Schlafstörung und der angezeigten Therapiemethoden.

Markus Kamps