Warum unsere innere Uhr nicht immer zur Gesellschaft passt

Manche Menschen springen morgens voller Energie aus dem Bett, andere kommen erst spät am Abend richtig in Fahrt. Dieses Phänomen ist kein Zeichen von Disziplin oder Faulheit, sondern Ausdruck unseres Chronotyps – also der individuellen Ausprägung unserer inneren Uhr.

Lerchen, Eulen und alles dazwischen

Umgangssprachlich spricht man häufig von „Lerchen“ und „Eulen“:

  • Lerchen stehen früh auf, werden schnell aktiv und sind besonders morgens leistungsfähig.
  • Eulen schlafen später ein, sind abends und nachts aktiver und tun sich mit frühem Aufstehen schwer.

Diese beiden Gruppen stellen jedoch nur die Extrempole dar. Dazwischen liegt ein breites Spektrum an Schlafpräferenzen. Es gibt Menschen, die zwar früh aufstehen, aber erst im Laufe des Vormittags richtig leistungsfähig werden – oder solche, die spät ins Bett gehen, aber trotzdem morgens halbwegs funktionieren.

Warum Eulen am Wochenende „nachschlafen“

Besonders Nachteulen neigen dazu, am Wochenende deutlich länger zu schlafen. Der Grund:
Frühe Schul- und Arbeitszeiten stehen oft im Widerspruch zu ihrer biologischen Uhr. Über die Woche hinweg baut sich so ein chronischer Schlafmangel auf, der an freien Tagen zumindest teilweise ausgeglichen wird.

Wenn der Chronotyp zum Problem wird

Solange sich der eigene Schlaf-Wach-Rhythmus gut in den Alltag integrieren lässt, ist ein individueller Chronotyp völlig unproblematisch.
Werden diese Tendenzen jedoch sehr stark und beeinträchtigen das tägliche Leben, spricht man von Schlafstörungen des zirkadianen Rhythmus.

Zu den häufigsten Formen zählen:

  • Verzögertes Schlafphasensyndrom (DSPS)
    Betroffene werden sehr spät müde und können morgens kaum früh aufstehen. Einschlafen gelingt oft erst in den frühen Morgenstunden.
  • Vorverlagertes Schlafphasensyndrom (ASPS)
    Personen mit ASPS werden extrem früh müde, schlafen sehr früh ein und wachen entsprechend früh auf – oft schon in den frühen Morgenstunden.

In beiden Fällen ist der Schlaf an sich nicht gestört. Die Betroffenen schlafen meist gut und ausreichend – nur eben zu Zeiten, die nicht mit gesellschaftlichen Anforderungen kompatibel sind.

Die eigentliche Belastung: Alltag und Wohlbefinden

Das Hauptproblem liegt nicht im Bett, sondern im Alltag:
Menschen mit stark verschobenen Schlafrhythmen müssen ihre Schlafzeiten häufig verkürzen oder verschieben, um beruflichen, schulischen oder sozialen Verpflichtungen nachzukommen.

Hinzu kommt oft ein psychischer Druck:
Wer regelmäßig erlebt, „nicht schlafen zu können, wenn andere schlafen“, entwickelt nicht selten Sorgen oder Angst vor Schlaflosigkeit, obwohl der Körper biologisch völlig korrekt reagiert.

Social Jetlag – chronischer Mini-Jetlag

Würden wir isoliert und ohne soziale Verpflichtungen leben, gäbe es kaum Probleme mit individuellen Chronotypen. Die Spannung entsteht dort, wo wir miteinander leben und arbeiten müssen.

Diese dauerhafte Diskrepanz zwischen innerer Uhr und äußeren Zeitvorgaben nennt man Social Jetlag.
Im Gegensatz zum klassischen Jetlag nach einer Flugreise ist Social Jetlag chronisch – und betrifft vor allem Abendtypen, die sich dauerhaft an frühe Startzeiten anpassen müssen.


Nachteulen und Herz-Kreislauf-Risiken – neue Erkenntnisse

Eine große prospektive Studie mit 322.777 Teilnehmenden aus der UK Biobank liefert nun weitere Hinweise darauf, dass Chronotypen nicht nur unseren Alltag, sondern auch die Herz-Kreislauf-Gesundheit beeinflussen können.

Zentrale Ergebnisse der Studie

  • Ausgeprägte Abendtypen zeigten deutlich schlechtere Werte in den sogenannten „Life’s Essential 8“-Gesundheitsmetriken der American Heart Association.
  • Im Vergleich zu Menschen mit einem intermediären Chronotyp waren die Werte bei Abendmenschen um 79 % ungünstiger.
  • Morgentypen wiesen dagegen eine leicht geringere Prävalenz schlechter Gesundheitswerte auf.

Rund 75 % des erhöhten Herz-Kreislauf-Risikos bei Abendtypen ließ sich durch veränderbare Lebensstilfaktoren erklären, darunter:

  • Schlafqualität und Schlafdauer
  • körperliche Aktivität
  • Ernährung
  • Rauchen
  • Körpergewicht, Blutzucker und Blutdruck

Nicht der Chronotyp ist das Problem – sondern die Anpassung

Wichtig ist:
Der Abend-Chronotyp an sich macht nicht krank. Kritisch wird es dort, wo innere Uhr und äußere Anforderungen dauerhaft auseinanderklaffen. Diese circadiane Fehlanpassung kann sich negativ auf Stoffwechsel, Herz-Kreislauf-System und allgemeines Wohlbefinden auswirken.

Die Autor:innen der Studie betonen daher, dass gerade Abendtypen besonders von gezielten Präventionsmaßnahmen profitieren können – etwa in den Bereichen Schlaf, Bewegung und Alltagsstruktur.


Fazit

Chronotypen sind ein natürlicher Ausdruck unserer biologischen Vielfalt. Probleme entstehen nicht durch „falsches“ Schlafen, sondern durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die wenig Rücksicht auf individuelle innere Uhren nehmen.

Ein bewussterer Umgang mit Schlafzeiten, flexiblere Arbeitsmodelle und mehr Wissen über Social Jetlag könnten nicht nur die Schlafqualität verbessern, sondern langfristig auch einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsprävention leisten.

Hinweis: Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden Schlafproblemen oder gesundheitlichen Beschwerden sollte fachlicher Rat eingeholt werden.