seit über 10 Jahren Ihr Ratgeber
für erholsamen Schlaf



erweiterte Suche ...
Startseite | Kontakt | Login

Schon 17.932.542 Besucher
und 56.944.341 Seitenaufrufe

Warum wir im Schlaf unsere Probleme lösen


Interview mit Prof. Dr. Jan Born, Lübeck. Er avancierte 2004 zum neuen Shooting-Star der Schlafforscher-Szene: Prof. Dr. Jan Born und sein Team aus Lübeck genießen derzeit ein Medienecho wie es das in dieser Form lange nicht mehr…

Er avancierte 2004 zum neuen Shooting-Star der Schlafforscher-Szene: Prof. Dr. Jan Born und sein Team aus Lübeck genießen derzeit ein Medienecho wie es das in dieser Form lange nicht mehr gegeben hat. Was das Team um Born nun wissenschaftlich belegen und auch weitgehend erklären kann, ist das, was der sogenannte gesunde Menschenverstand schon lange zu wissen glaubt: Das Gedächtnis des Menschen festigt sich im Schlaf. Der Geist des Menschen findet über Nacht im Tiefschlaf eine neue Ordnung. Probleme und Konflikte lösen sich über Nacht fast wie von allein.

Es hat mich daher gefreut, dass Prof. Born auf der Freiburger DGSM-Tagung fast eine Stunde seiner knappen Zeit für ein Gespräch mit schlafkampagne.de spendieren konnte. Born ist Neuroendokrinologe und Leiter einer klinischen Forschergruppe an der Medizinischen Universität zu Lübeck (MUL).

schlafkampagne.de: Herr Born, blicken wir gleich mal nach Vorne: Wie sieht denn, nach dem derzeitigen Stand Ihrer Forschung, die Schule der Zukunft aus?

Prof. Born: Wir sagen, wenn etwas längerfristig ins Gedächtnis eingespeichert werden soll, dann ist es vorteilhaft, wenn nach der Aufnahme von Information eine Schlafphase liegt. Insofern kann man sagen, dass es gut wäre, wenn sich unmittelbar an die Schule ein längerer Mittagsschlaf anschließt. Da man hauptsächlich nachts schläft, wäre es für die schulische Leistung günstig, wenn man am Abend eine Wiederholungsphase etwas näher an die Schlafphase dran setzt. Das wäre also am späteren Nachmittag oder kurz vor dem Abendbrot, damit dadurch garantiert wird, dass das Erlernte verstärkt in den Schlafprozess mit eingeht. Wobei einschränkend gesagt werden muss, dass für die Aufnahme eines komplexen Lernstoffes es immer noch besser ist, dies morgens zu machen, weil man da maximal konzentriert ist. Morgens also aufnehmen und entschlüsseln und abends vor dem Schlafen dann diese Inhalte noch einmal für das eigentliche Einprägen repetieren.

schlafkampagne.de: Daraus folgt: Schlechter Schlaf macht dumm?

Prof. Born: Nein... Zunächst einmal muss ein subjektiv schlechter Schlaf nicht heißen, dass die für die Gedächtnisbildung wichtigen physiologischen Prozesse gleichermaßen gestört sind. Über die Menge an Schlaf, die in bestimmten Schlafstadien gebraucht wird um optimal Gedächtnis zu bilden, ist recht wenig bekannt. Wenn man die unterschiedlichen Schlafstadien betrachtet, dann fördert der Delta-Schlaf (= der Tiefschlaf, Anm. d. Red.) vor allem das deklarative Gedächtnis, also das Gedächtnis für Episoden und Fakten, Vokabeln und Geschichten lernen, also all das, was z.B. vorwiegend im Studium gebraucht wird, während wir im REM-Schlaf (= Rapid-Eye-Movement, die Traumphase, Anm. d. Red.) eher prozedurale Fertigkeiten lernen, also Fahrrad fahren, sportliche Übungen und dergleichen..

schlafkampagne.de: Schlechter Schlaf macht nicht nur dumm sondern auch tollpatschig?

Prof. Born: Das stimmt so nicht. Auf lange Sicht wird sicher weniger dazu gelernt. Ein Beispiel: Sie wissen ja, dass mit dem Alter der Delta-Schlaf abnimmt und ebenso das deklarative Gedächtnis... Nun, diese Menschen werden nicht offensichtlich dümmer, aber sie werden nicht mehr so viel neu Erlerntes, also Faktenwissen und Episodenwissen etc. ins Langzeitgedächtnis aufnehmen und erinnern... Ältere Menschen sind andererseits erfahrener und erscheinen routinierter...

schlafkampagne.de: Da kommt dann die bekannte Alterssturheit?

Prof. Born: Ja, schon, auch wenn ich es nicht so negativ ausdrücken würde ... Sehen Sie, ältere Menschen leiten ihre Entscheidungen stärker aus Erfahrungen ab, die sich in der Jugend und im früheren Erwachsenenalter eingeprägt haben, wahrscheinlich weil in dieser Zeit der Schlaf einfach viel effizienter war um Langzeiteinspeicherung vorzunehmen.

schlafkampagne.de: Kindheitserinnerungen sind also deshalb so prägend, weil wir damals besser und mehr geschlafen haben?

Prof. Born: Genau das wäre meine Vorstellung! Wobei es natürlich extrem schwer ist, so etwas wissenschaftlich experimentell zu beweisen... Korrelationen wie etwa die zwischen der altersbedingten Verschlechterung des Schlafs und des Gedächtnisses sind Hinweise aber keine Beweise für solche Zusammenhänge. Es gibt keine Experimente über das ganze Leben.

schlafkampagne.de: Wenn jemand etwa seinen Aufschlag beim Tennis verbessern möchte, kann man dem raten, leg dich hin und schlafe mal drüber?

Prof. Born: Insofern diese Art des prozeduralen Gedächtnises ja vor allem im REM-Schlaf gefestigt wird und dieser vermehrt in den Morgenstunden auftritt, wäre es sicherlich gut, wenn er morgens ausschläft. Vieles spricht wirklich dafür, dass der REM-Schlaf solche prozeduralen Fertigkeiten verbessert.

schlafkampagne.de: Sie meinen man sollte den Schlaf mehr in den Morgen hinein verlegen?

Prof. Born: Nein, so ist das nicht gemeint. Er müsste nur ausschlafen! Sehen Sie, am Anfang, in den Stunden nach dem Einschlafen tritt zunächst sehr viel Delta-Schlaf auf, der (Schlaf-) druckabhängig reguliert wird. Das Deltaschlafbedürfnis wird also zuerst befriedigt und erst danach werden die REM-Schlafperioden intensiver und länger. Wenn man also den Schlaf künstlich etwas verlängert, führt dies zu einem größeren Anteil an REM-Schlaf.

schlafkampagne.de: Das Gedächtnis ist ja nun die eine Fähigkeit unseres Geistes. Die höhere Leistung ist doch aber die, wenn der Mensch etwa kreativ Probleme löst...

Prof. Born: In der Untersuchung, die Sie da ansprechen, ging es uns darum zu zeigen, dass Schlaf nicht nur das Gedächtnis verstärkt, sondern die ins Gedächtnis frisch aufgenommenen Inhalte auch "verarbeitet" und umgestaltet, wobei dieser Verarbeitungsprozess dann zu kreativeren Lösungen von Problemen führen kann.

schlafkampagne.de: Schlafen macht uns also tatsächlich kreativer. Wie haben Sie das bewiesen?

Prof. Born: Bei der Untersuchung wurden die Versuchspersonen für eine gewisse Zeit mit einem Problem konfrontiert, was sie in dieser Zeit nicht lösen konnten. In dem darauf folgenden 8-Stundenintervall durfte ein Teil der Probanden schlafen, andere blieben wach. Als die Probanden dann später erneut mit dem Problem konfrontiert wurden, kamen mehr als doppelt so viele der Probanden der Schlafbedingung auf die Lösung, wie in den verschiedenen Wachkontrollbedingungen. Der Hintergrund dieses Experiments war also, zu zeigen, dass die Gedächtnisbildung im Schlaf nicht nur ein einfaches Einschleifen von Information ist sondern dass dies ein aktiver Verarbeitungsprozess ist. Es passiert also etwas mit den neu erworbenen Gedächtnisinhalten. Sie werden irgendwie reorganisiert und umstrukturiert. Wenn sie denn umstrukturiert werden, dann haben wir nach dem Schlaf eine andere Sicht auf die Probleme als vorher. Glücklicherweise führte diese andere Sichtweise in unserem Experiment auch dazu, dass das Problem besser gelöst wurde.

schlafkampagne.de: Glücklicherwiese???

Prof. Born: Na, gut! ... Es hätte ja vielleicht auch anders ausgehen können! Es hätte ja prinzipiell sein können, dass nach dem Schlaf das Problem eher schlechter gelöst wird... Das war aber nicht der Fall. Es ist vielleicht so, dass mit der Verarbeitung und Reorganisation der Dinge im Schlaf zur alten eine neue Sichtweise hinzukommt! Wenn man zwei Sichtweisen zu einem Problem hat, dann ist es wahrscheinlicher, dass man das Problem löst. Die ursprüngliche Sichtweise fäll ja nicht weg. So gesehen ist der Ausgang unseres Experiments also doch kein Glück.

schlafkampagne.de: Ja super! Dann schlafe ich jetzt nur noch und alle Probleme sind gelöst!

Prof. Born: Hahaha! Ich möchte aber noch einmal sagen: Unser Experiment zeigt nicht, dass Schlaf die Problemlösefähigkeit oder die Kreativität als solche verbessert! Es ist wirklich ein Gedächtnisexperiment. Denn wenn die Probanden nicht vorher die Chance hatten, sich mit dem Problem zu beschäftigen - wenn also nicht bereits irgendeine Repräsentation des Problems in unserem Gehirn ist, auf die der Schlaf dann einwirken kann - dann hilft der Schlaf auch nicht, das Problem zu lösen.

schlafkampagne.de: Oh, wie schade! - Doch wieder keine Wunderlösung!

Prof. Born: Es ist wichtig, dass Sie sich vorher mit dem Problem beschäftigen und eine Abbildung, eine Repräsentation des Problems bereits im Kopf ist, und dann kann damit etwas im Schlaf passieren...

schlafkampagne.de: Also die ernsthafte, aktive Auseinandersetzung mit dem Problem ist schon wichtig?

Prof. Born: Ja.

schlafkampagne.de: Von ganz allein geht also nichts?

Prof. Born: Nein, von allein geht gar nichts. Sie brauchen die Auseinandersetzung. Sie brauchen die mentale Repräsentation im Gehirn.

schlafkampagne.de: Das geht dann etwa in Richtung Albert Einstein, der ja von sich sagte, wesentliche Teile seiner Relativitätstheorie kamen ihm als ‚Eingebung‘ im Schlaf. Doch tagsüber beschäftigte er sich ja auch sehr intensiv damit.

Prof. Born: Da gibt es eine ganze Reihe von Beispielen... Mendelejew fand so ja auch die Ordnung für das Periodensystem...

schlafkampagne.de: ... genau! Oder nehmen wir Michael »Bully« Herbig (Buch und Regie der Filme ‚(T)raumschiff Surprise‘, ‚Der Schuh des Manitu‘, u.a., die Red.)! Der gab ja vor ein paar Wochen zu Protokoll, dass ihn die meisten Ideen für seine Sketche in der Nacht heimsuchen...

Prof. Born: Ach so? Dann wahrscheinlich, weil er sich auch tagsüber damit stark beschäftigt .

schlafkampagne.de: Gut möglich! Der Punkt ist also die intensive Beschäftigung vor dem Schlaf.

Prof. Born: Genau! Das ist die wichtige Voraussetzung.

schlafkampagne.de: Und wie sieht es aus mit nützlichen Informationen, also ich meine das jetzt im Sinne von Darwin und dem ‚Survival of the fittest‘?

Prof. Born: Sicher, das Tier, das sich die Wasserstelle merkt, hat natürlich Überlebensvorteile, und das ist auch das, was der Hippocampus als Gedächtnis aufnimmt. Wo ist etwas? Wo ist das Restaurant in einer bestimmten Stadt? So etwas muss man sich merken können….

schlafkampagne.de: Wenn man Hunger hat...

Prof. Born: Die wirklich spannende Frage dabei ist vielleicht, warum wir für die Einspeicherung solcher Dinge den Schlaf nutzen, also eine Zeit, in der wir unser Bewusstsein quasi ausschalten und damit auch hilflos gegenüber irgendwelchen Gefahren sind. Die Hilflosigkeit im Schlaf ist ja zunächst kein Überlebensvorteil. Und um sich Nahrungsquellen zu merken, bräuchte der Organismus vielleicht nicht unbedingt in den für gejagte Tiere nicht ganz ungefährlichen Schlafzustand zu verfallen. Umgekehrt lässt sich leicht ein Roboter entwickeln, der sich merkt, wo seine Steckdose ist. Das funktioniert. Der findet dann tatsächlich seine Steckdose, sobald sein Akku runter ist...

schlafkampagne.de: Wir brauchen ja nicht nur eine Steckdose, sozusagen?

Prof. Born: Nun, wieso im Schlaf das Bewusstsein ausgeschaltet wird, wissen wir nicht. Ich glaube, es hängt mit der Gedächtnisfunktion zusammen. Wenn wir wach sind, verarbeitet unser Gehirn eine unglaublich große Menge an Informationen. Für die Speicherung dieser Informationen werden dieselben Netzwerke von Nervenzellen verwendet, wie für die akute Verarbeitung der Informationen. Um bestimmte Informationen länger zu behalten – wir können uns jahrelang merken, wo sich das Restaurant, in dem wir so gut gegessen haben, befindet –, müssen die aufgenommenen Informationen in diesen Nervennetzwerken stärker verankert werden. Und dieser Konsolidierungsprozess, der würde stören, wenn er in der Wachphase abläuft, in der dieselben neuronalen Netze verwendet werden, um schnell auf irgendwelche gefährlichen Reize zu reagieren.

schlafkampagne.de: Wir schlafen also auch um uns evolutionsbedingt weiterzuentwickeln?

Prof. Born: Auch der Schlaf hat sich evolutionsbiologisch verändert. Es scheint so, dass er um so ausgefeilter wird, je komplexer und größer die Anforderungen an die Informationsverarbeitung während der Wachphase sind. Vergleicht man etwa Mensch und Katze, scheint die Katze mit ihren schnellen Sprüngen zwischen einzelnen Schlafstadien viel ‚schlechter‘ zu schlafen als der Mensch. Nur der Mensch besitzt so wunderschöne regelmäßige Zyklen von Delta- und Traumschlaf! Die Katze springt nicht nur schneller zwischen den Schlafstadien, sondern zeigt auch eher Mischtypen von Stadien! In der Regel wird bei Tieren gar nicht wie beim Menschen zwischen den verschiedenen NonREM-Schlafstadien - Deltaschlaf, Schlafstadium 2 etc. unterschieden. Der Schlaf ist etwas, was sich mit der phylogenetischen Entwicklung des Gehirns und mit der Leistung des Gehirns komplexe Dinge zu analysieren fortentwickelt hat.

schlafkampagne.de: Also hat der Neandertaler anders geschlafen als wir heute?

Prof. Born: Wahrscheinlich das auch. Wobei: beweisen lässt sich das wohl nicht mehr.

schlafkampagne.de: Drehen wir zum Schluss den Spieß wieder herum. Wenn man sich durch den Schlaf etwas besser merken kann, könnte man auch fragen, kann man auf die gleiche Weise Daten löschen, also vergessen?

Prof. Born: Es gibt hunderte von Beweisen, die zeigen, es wird etwas durch Schlaf verstärkt im Gedächtnis verankert. Es gibt aber bisher keinen experimentellen Nachweis, ob etwas durch Schlaf verstärkt gelöscht wird. Es gibt aber mehrere Theorien, die einen Selektionsmechanismus behaupten. (denkt...) - Nun, vielleicht gibt es einen an die Emotionalität gekoppelten Selektionsmechanismus: Alles Emotionale wird ja besser gelernt. Eher neutrale Inhalte sind schwerer zu behalten. Wenn REM-Schlaf – wie das unsere Untersuchungen zeigen – speziell diese emotionsgeladenen Inhalte verstärkt, dann könnte es durch diese Funktion der emotionalen Gedächtnisverstärkung zu einer Selektion kommen. Das was im Leben emotional ist, würde im Schlaf nochmals verstärkt.

schlafkampagne.de: Wie auf der Festplatte... Strg C, Strg X, vergessen?

Prof. Born: Das würde mich auch sehr interessieren! Deshalb haben wir in der Tat eine Studie begonnen, in der es um so genanntes "directed forgetting" geht, was eine Art experimentalpsychologische Nachbildung des Freud’schen Verdrängungsmechanismus darstellt… Aber was bei dieser Studie herauskommen wird, wissen wir nicht. Das Experiment wurde durchgeführt aber die Auswertung ist noch nicht da. Fragen Sie mich nächstes Jahr danach!

schlafkampagne.de: Gerne! Vielen Dank für das Gespräch. Ich denke, ich muß jetzt gleich mal in dieses Kongress-Dormitorium hier um all das sauber abzuspeichern, bin ja schon Mitte Vierzig...

Prof. Born: Sehr gut. Schon was gelernt. - Schlafen Sie gut!




comments powered by Disqus