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  • Schlafwandeln - es kann jeden Treffen

    Autorin Franziska Manske auf den Spuren eines Schlafwandlers.
    Dr. Christoph Schenk gibt hierzu wichtige Tipps im Umgang mit dem Schlafwandeln und warum wir überhaupt schlafwandeln.
    Manche reißen aus, wenn es dunkel wird und irren in den Straßen umher, andere essen Hundefutter oder stürzen vom Dach. Schlafwandler. Bis heute suchen Forscher immer noch nach den Ursachen des Somnambulismus. Ich habe mich auf die Spuren der nächtlichen Spaziergänger begeben.

    Der Schauplatz: die Oranienburger Straße. Auf der bekannten Berliner Amüsiermeile sitzen laufen dutzende Menschen die Straße entlang, andere plaudern fröhlich in einer der vielen Bars miteinander, die Kellnerinnen lächeln, Drinks werden serviert, Handys klingeln. In diesem Trubel fällt er kaum auf: ein Mann, der aussieht, als sei er aus der Zeit gefallen. Seine Bewegungen sind seltsam steif, als wäre er ferngesteuert, die Augen blicken starr. Auch Dr. Schenk hätte den Mann fast übersehen, doch er stutzt, als er dessen Outfit sieht: ein Schlafanzug. Der Mann nähert sich langsam, dann aber dreht er sich abrupt um, geht - wieder langsam aber schnurstracks – zur Ampel, drückt auf den Knopf und läuft beim Erklingen des Signals über die Straße.

    "Ich bin mir nicht sicher, ob der Mann ein Schlafwandler war. Der Blick bricht dafür, die ausgestreckten Arme dagegen“, sagt Dr. Christoph Schenk. Ihm sind solche Szenen bestens vertraut. Dr. Schenk ist Facharzt für Schlafmedizin und Leiter des Schlaflabors Osnabrück. Warum die einen nächtlich ausbüchsen, während andere friedlich im Bett schlummern, ist für Wissenschaftler immer noch ein Rätsel. Fest steht: Schlafwandler bleiben im Schlaf quasi "hängen". Sie wachen unvollständig auf: das Gehirn "schläft" noch, die Muskulatur aber ist bereits wach. Experten sprechen deshalb von einer Aufwachstörung und ordnen das Schlafwandeln (medizinisch: Somnambulismus) unter den so genannten Parasomnien ein. Darunter versteht man ungewöhnliche körperliche Phänomene oder Verhaltensweisen, die den Schlafprozess unterbrechen.

    Es kann jeden treffen!

    Dass Schlafwandeln mit unvollständigen Reifungsprozessen im Gehirn zusammenhängt, ist eine beliebte Annahme.. "Eine mögliche Ursache für Somnambulismus ist eine partielle Unreife des zentralen Nervensystems", sagt auch Dr. Schenk. Das würde unter anderem erklären, warum Schlafwandeln sehr viel häufiger bei Kindern auftritt als bei Erwachsenen. Auch genetische Einflüsse spielen eine Rolle. "Viele Schlafwandler-Karrieren sind vererbt", so. Dr Schenk. In Familien, in denen es Schlafwandler gibt, ist die Wahrscheinlichkeit für Somnambulismus zehnmal höher. Stress, Schlafentzug, Schichtarbeit, Fieber, Medikamente (Neuroleptika), Depressionen oder Drogen können Schlafwandeln ebenfalls provozieren. Auch an der Persönlichkeit kann abgeschätzt werden, ob eventuell eine Neigung zum Schlafwandeln besteht. "Aggressionsgehemmte und introvertierte Menschen sind häufiger betroffen", meint Dr. Schenk.
    Meistens findet Schlafwandeln im ersten Drittel des Nachtschlafs statt und zwar während der Tiefschlafphasen. Das zentrale Nervensystem hat in dieser Zeit alle vitalen Funktionen heruntergefahren: die Gehirnaktivität ist verringert, Blutdruck und Muskelspannung abgesenkt, Herzschlag und Atmung verlangsamt. Bewegungen können zwar ausgeführt werden, das Gehirn hat darüber aber keine Kontrolle. Anders als die traumreiche REM-Phase ("rapid eye movement") bleibt die Tiefschlafphase traumlos.

    Schlafwandler ist nicht gleich Schlafwandler

    Die Ausflüge der Schlafwandler dauern meist nur wenige Minuten an, in seltenen Fällen bis zu einer Stunde. Schlafwandler ist nicht gleich Schlafwandler. Manche setzen sich einfach nur im Bett auf, schauen sich verwirrt um, zupfen an der Decke oder schieben das Kissen hin und her. Andere verlassen das Bett, öffnen Türen und Fenster, gehen Treppen auf und ab, wühlen in Schubladen oder Schränken oder verlassen sogar das Haus. „Bewiesen ist auch, dass Schlafwandler das Bestreben haben, auf eine Lichtquelle zuzugehen. Man nimmt an, dass dies eine Orientierungsmöglichkeit für Schlafwandler ist.“ Typisch für einen Schlafwandler: Er führt in seinem Zustand Handlungen aus, die ihm durch den Alltag vertraut sind.

    Aber auch da gibt es Ausnahmen. Schlafwandelnde Männer beispielsweise, die sonst nie zum Lappen greifen, putzen plötzlich wie wild Küche und Bad. Übrigens: hofft die Ehefrau im wachen Zustand auf Wiederholung, hofft sie vergebens. „Beim Erwachen können sich Schlafwandler nicht an ihre nächtlichen Aktivitäten erinnern“, erklärt Dr. Schenk. Und so wusste auch der Passant im Schlafanzug aus der Oranienburger Straße nicht, was in der Nacht passiert war. Ich traf ihn einen Tag später im Nadelstreifenanzug und Aktentasche in einem Kaffeehaus unweit der Oranienburger Straße und sprach ihn auf seinen nächtlichen Spaziergang an. Er schaute mich nur kurz verwirrt an und verschwand dann eilig mit seinem Kaffeebecher durch die Tür.

    Leiden Schlafwandler eigentlich unter ihren nächtlichen Touren? "Die meisten sehen das recht locker, sie denken ihnen könne nichts passieren", so Dr. Schenk. Doch was auch immer der Schlafwandler tut, ungefährlich ist es für ihn keineswegs. "Die schlafwandlerische Sicherheit gibt es nicht", bestätigt Dr. Schenk. Möglich sind Stürze vom Balkon, aus dem Fenster, von Mauern oder Treppen hinunter. Dr. Schenk: „Schlafwandler bewegen sich im Tiefschlaf auf ihrem Streifzug nicht sehr feinfühlig. Vielmehr haben sie das Bestreben immer geradeaus zu laufen. Und das tun sie auch dann, wenn ihre begehbare Unterlage endet - und stürzen ab.“

    Bitte nicht wecken!

    Schlafwandler müssen natürlich nicht gleich ins Erdgeschoss ziehen. Um Stürze zu verhindern, sollte man Fenster und Schlafzimmertür fest verriegeln. Wenn man einem Schlafwandler begegnet, hat Dr. Schenk einen wichtigen Rat: „Bitte nicht wecken! Würde man ihn wachrütteln, wäre er so verwirrt, dass er erst recht aus dem Gleichgewicht gerät. Am besten man steuert den nächtlichen Spaziergänger langsam und behutsam zurück ins Bett.“
    Schlafwandeln an sich kann man nicht heilen. Doch es gibt verschiedene Möglichkeiten, um es zu minimieren. Dr. Schenk: „Ist Stress der Auslöser, helfen Entspannungstechniken. Auch Autosuggestion und Psychotherapie sind bei Erwachsenen bewährte Methoden, um Somnambulismus in den Griff zu kriegen. Therapien durch Medikamente sind hingegen ein zweischneidiges Thema. Denn Medikamente können den Tiefschlaf verhindern, was wiederum einen erholsamen Schlaf stört."
    Auch grelles Licht im Schlafzimmer kann verhindern, dass der Schlafwandler loslegt. Es ist bewiesen, dass Schlafwandler sich auf eine Lichtquelle zu bewegen, wie beispielsweise auf den Mond. „Doch der Mond ist längst nicht mehr die wichtigste Lichtquelle in der Nacht. Der moderne Schlafwandler würde sich deshalb eher von Reklametafeln oder Straßenlaternen leiten lassen. Oder sich vielleicht gar nicht erst auf die Suche machen, wenn bereits im Schlafzimmer Festbeleuchtung herrscht“, sagt Dr. Schenk.

    Es wird auch vermutet, dass Heißhunger den Nachtwandler aus den Federn treibt. Dr. Schenk: „Heißhungerattacken während des Schlafwandelns sind besonders häufig. Gegessen wird dann alles, was essbar ist, allerdings ohne Rücksicht auf Verpackung oder Zustand. Spagetti werden roh, Schokolade mit Papier hinuntergeschlungen. Legt man einem Schlafwandler schon früh etwas Essbares in den Weg, ließe sich die Episode abkürzen. Doch pauschale Tipps gibt es nicht.“

    Veröffentlicht am 15.10.2009

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